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CONNY BECKER
 

BACK TO THE ROOTS? – KOMMENTAR ZUM BERLINER MESSEKONTEXT

Herbst in Berlin heißt Art Forum Berlin, hier zu sehen der neue Sektor plein air mit u.a.: 'untitled', 2009, von Erik van Lieshout. Courtesy: Stella Lohaus Gallery, Antwerpen.
Pawel Althamers „Stoliczku Narkryj Sie“, 2009, auf der abc - def. Foto: CB.
„Echo“, 2009, von Bettina Pousttchi. Courtesy Buchmann Galerie Berlin, Foto: Benjamin Pritzkuleit.
In Berlin herrscht gerade „Kunstherbst“ und dabei ist schon der Begriff Synonym für Tradition und Revival gleichermaßen. Er geht nämlich, so sei kurz erinnert, auf die gleichnamige Veranstaltungsreihe der Berlin Partner GmbH und (seit 2002) dem Institut für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin zurück, die seit 1997 vier Herbstwochen lang Vorträge, Diskussionsrunden und Führungen durch Galerien, Sammlungen und Kunstmessen bot. Vergangenes Jahr ausgefallen und totgesagt, erlebt sie jetzt eine Wiedergeburt – und zwar in Form eines einwöchigen „Kunstvermittlungsfestivals“ für Kinder: Um dem Publikum von morgen schon heute die zeitgenössische Kunst näher zu bringen.

Offenbar eine Strategie zur Steigerung der Nachhaltigkeit: um das Interesse an Gegenwartskunst in der als dessen aktuelles Mekka verstandenen Spreemetropole auf längere Zeit zu sichern. Also eine Form der Standortsicherung – allerdings nicht von der Produktions-, sondern von der Konsumentenseite her, die ja bis vor kurzem stets die problematische war, zumindest was die Ankäufe betraf. Aber dieses Nachfrageproblem ist offenbar weitgehend behoben und besteht doch Bedarf der Unterstützung, gewährt das Programm „Berlin Art Finance“ der Berliner Bank inzwischen gesonderte Kreditkonditionen für den Kunstankauf. Und so werden wie schon vergangenes Jahr die ständig zunehmenden Sammlerwohnungen, d.h. die, die noch nicht zu Privatmuseen ausgebaut wurden, nicht mehr wie zu alten „Kunstherbst“-Zeiten für gewöhnliche Kunstinteressierte geöffnet, sondern nur für ein auserwähltes VIP-Publikum, das sich während des Art Forums in der Hauptstadt einfindet und neben den Messen etwas Abwechslung geboten bekommen soll.

abc zum Zweiten und Letzten?

Abwechslung zu bieten war wohl auch ein Ursprungsgedanke der Veranstaltungsreihe abc oder art berlin contemporary, die vergangenes Jahr von Art-Forum-boykottierenden Galeristen ins Leben gerufen worden war. Damals aus marktstrategischen Gründen initiiert – die alte Messeleitung hatte sich auf einen ungünstig späten Termin nach der Fiac und der Frieze verschieben lassen und dafür schließlich den Hut nehmen müssen – ist die abc nun überflüssiger denn je. Denn zum einen ist der Messetermin wieder der alte und unter neuer Führung sind die meisten großen Berliner Galerien in die Hallen am Funkturm zurückgekehrt. Zum anderen sieht eine gelungene Ausstellung anders aus als die abc-Show in der Akademie der Künste und selbst Messestände ermöglichen eine bessere Präsentation von Kunst als die rund 60 ewig gleichen, von Egon Eiermann entworfenen weißen Tischplatten auf schwarzem Gestell. Am überzeugendsten sind daher Arbeiten wie Jörg Herolds „Eiermannbarrikade“ oder Pawel Althamers „Stoliczku Narkryj Sie“, welchen die Präsentationsfläche rein als Material dient und die geradeheraus zeigen, dass sie abgeschlossene (käufliche) Werke sind und sich nicht nur als Modelle versteh(/ll)en.

Dass die Akademie der Künste nicht nur eine schwache Ausstellung, sondern (zumindest partiell) auch eine Verkaufschau beherbergt, ist befremdlich, mag auf die Krise zurückzuführen sein oder auf das unscharfe Motto der abc „def“ – drafts establishing future. Suggeriert wurde im Vorfeld nämlich, dass es sich rein um Präsentationen von Projekten für den öffentlichen Raum handelt. Tatsächlich sind die wie bei Design- oder Schmuckmärkten feilgebotenen Arbeiten jedoch zu einem Teil so wie sie sind käuflich. Das Bemühen, sich vom Markt abzugrenzen und vermeintlich hehreren Zielen zu dienen, wirkt gezwungen und verunsichert nicht nur den Besucher, sondern auch so manchen Galerieassistenten, der bei telefonischer Nachfrage nicht Auskunft darüber geben konnte, welchen Status das Gezeigte eigentlich innehatte.

Umso klarer verhielt es sich auf dem Art Forum, das großformatige Skulpturen und Installationen, die schlecht in Messeboxen zu präsentieren sind, im Außenraum verteilte und so die Messe zum Sommergarten des Palais am Funkturm hin öffnete: Sowohl ein Angebot für Kunst im öffentlichen Raum als auch eine willkommene Abwechslung bei Messemüdigkeit. Es schien, als hätten die neuen Co-Direktoren Eva-Maria Häusler und Peter Vetsch die letztjährige abc, die sich ebenfalls auf Skulptur und Installation fokussiert hatte, in die Messe eingegliedert – und zwar ganz ohne falsche Ausstellungsversprechungen.

Messeparallele Kunsthallendebatte

Noch eine andere, potenzielle Einverleibung ist momentan in Berlin zu beobachten – ebenfalls von einem Neuberliner angestoßen. Gemeint ist die permanente Kunsthalle, die im letzten Jahr, gefördert durch die temporäre Version auf dem Schlossplatz, zum Diskursthema Nummer Eins der Berliner Szene avancierte. Nicht zuletzt, da sie Unterstützung vom Regierenden Bürgermeister und Kultursenator Klaus Wowereit fand, dessen eigene Vorstellungen von einer Luxus-Halle allerdings auf wenig Gegenliebe stieß. Während jedoch die verschiedenen Konzepte von Senat einerseits und der bottom up agierenden Initiative Berliner Kunsthalle andererseits in Presse und Podiumsdiskussionen verhandelt werden, versucht offenbar der bekanntlich frohlockende Dritte, dem Projekt den Wind aus den Segeln zu nehmen. Denn Udo Kittelmann, der als neuer Direktor der Nationalgalerie schon durch das Aufbrechen der verkrustet separatistischen Strukturen der Staatlichen Museen zu Berlin für Furore gesorgt hat, mischt nicht nur die ewig gleichen Sammler-Sammlungsbezogenen Präsentationen im Hamburger Bahnhof auf, sondern verwandelt ferner den Licht durchfluteten Pavillon der Neuen Nationalgalerie kurzerhand in eine Kunsthalle. Zumindest, wenn man an das herkömmliche Model à la Hamburger Deichtorhallen denkt, die regelmäßig große Stars der zeitgenössischer Kunst präsentieren, sei es Balkenhol, Meese oder Fischli und Weiss.

Kittelmann zeigt mit Thomas Demand einen der international renommierten Künstler, die in Berlin leben und arbeiten, und damit genau solch eine Position, die vor allem zu Beginn der Kunsthallendebatte von vielen in den Berliner Institutionen vermisst wurde. Mittlerweile jedoch – vielleicht auch, da die Einzelshows in der temporären Kunsthalle nur mäßig überzeugen konnten – wird immer mehr ein neues Modell einer Kunsthalle propagiert. Vor allem die Initiative Berliner Kunsthalle (IBK), die sich bereits im Rahmen eines Symposiums mit möglichen Vorbildern wie dem Matadero aus Madrid oder dem Pariser 104 auseinander setzte, schaut nicht nur auf große Namen. Sie strebt vielmehr eine offene, flexible Struktur an, die nicht nur Platz für bildende Kunst, sondern auch für Tanz, Musik, Lesungen oder Film bietet – und für einen Berliner Diskurs. Auch bezüglich letzterem scheint Kittelmann Konkurrenz liefern zu wollen, wenn er auf der vom Art Forum ausgerichteten Debatte zur permanenten Kunsthalle im Hamburger Bahnhof gleich zu Beginn betont, das Museum für Gegenwart sei prädestiniert dafür, Diskussionen anzustiften. Konkurriert hat er mit der Veranstaltung in jedem Fall – und sicher nicht unbeabsichtigt, da nicht zum ersten Mal – mit der temporären Kunsthalle, die am selben Abend offiziell in ihr zweites Jahr ging und sowohl die neue Ausstellung als auch eine neue Außenhülle feierte.

Angesichts der vielen ermüdenden Messe-assoziierten Events zog es an diesem Spätsommerabend jedoch ein deutlich größeres Publikum statt zur Diskussion auf den Schlossplatz, wo die temporäre Kunsthalle sich auf ihre Ursprünge zurückbesonnen zu haben schien: im Innern mit einer von der in Berlin lebenden Künstlerin Kirstine Roepstorff kuratierten Gruppenausstellung mit mehr als 30 Künstlern, außen mit der Installation „Echo“ von Bettina Pousttchi, die die Halle mit einer den Palast der Republik zeigenden Fotoarbeit plakatierte. Auch wenn dies keine Rekonstruktion des von vielen zurückgewünschten Volkspalastes sein kann und soll – lässt einen die Arbeit dennoch melancholisch die durch die Palast-Bespielung entstandene Dynamik erinnern. Es ist zu hoffen, dass diese Energie, die auch die IBK im Bezug auf die permanente Kunsthalle zeigt, nicht in einer festgefahrenen Standortdiskussion verpufft.

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veröffentlicht bei artefakt: http://www.artefakt-sz.net/allerart/back-to-the-roots