Heidelberger Kunstverein

6. Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg

18 Sep - 15 Nov 2015

© ExpVisLab (George Legrady, Danny Bazo)
aus der Serie ›AutoVision‹, 2014
3 PTZ-Kameras, 3 Projektoren, 1PC, Software, ©ExpVisLab
6. FOTOFESTIVAL MANNHEIM-LUDWIGSHAFEN-HEIDELBERG
[7P] - [7] ORTE [7] PREKÄRE FELDER
[7.7] KOMMUNIKATION UND KONTROLLE
18 September - 15 November 2015

The Experimental Visualization Lab, Melanie Gilligan, Trevor Paglen, Marco Poloni, Jules Spinatsch

Die Zahl Sieben ist einerseits hell leuchtende Glückszahl, wenn sie im Sinne der sieben Weltwunder für einen starken Willen, herausragende Kraft, großartige Leistung, unerschöpfliche Freude und Glück steht und andererseits düstere Schicksals- und Katastrophenzahl, wenn sie im Zusammenhang mit den sieben Todsünden von den Niederungen des menschlichen Lebens, den Schattenseiten, ja, dem Inferno in der Welt erzählt.
Die Ausstellungen zu ›[7 P]‹ beschäftigen sich weniger mit Wundern und Todsünden als mit einem Zwischenreich. Sie umschreiben [7] prekäre, kritische Felder der heutigen Gesellschaft; Felder, in denen Vorgänge von großer Tragweite, mit Einfluss auf das persönliche und gesellschaftliche Leben, stattfinden. Es wurden Künstler und Künstlerinnen mit fotografischen und videografischen Arbeiten eingeladen, die sich in den jeweiligen Feldern mit großer Intensität, visueller Kraft und einem Sinn für die Systeme der von uns kreierten Realitäten umtun. Sie liefern keine schnellen Antworten, dafür aber ein dichtes visuelles Netz an Informationen, Fragen und Konfrontationen.
Das strenge Nummerierungssystem der Ausstellungen von [7.1] bis [7.7] bietet uns den Schein von Halt in einer Welt, in der vieles am Fließen und damit auch am Wegrutschen ist. Bisher schauen wir zu, starren auf die Bruchstellen, gelähmt und voller Hoffnung auf ein ›American Ending‹, also auf ein Wunder.
Aus dem einstigen Gespräch wird Kommunikation. Ist diese heute zu einem Fluss von Selbstaussagen und kopierten Mitteilungen geworden? Aus den einstigen Gemeinschaften werden soziale Netzwerke, bindungslose Strukturen, die Nähe suggerieren und Ferne schaffen. Ein zuckender, funkelnder Starkstrom in Zeiten inhaltlicher Leere. Auf Werteverluste wird mit Kontrolle reagiert. Überwachung im Zeichen des Kommerzes und der Politik. Alles wird registriert, vernetzend kommuniziert und archiviert.
Urs Stahel hat für seine Ausstellung im Heidelberger Kunstverein fünf Positionen zusammengestellt, die den Verlust von Kontrolle thematisieren. So beschäftigt sich der studierte amerikanische Geograf Trevor Paglen mit Phänomenen, die großer Geheimhaltung unterliegen. Mit Hilfe extremer Brennweiten schafft es der Medien-Künstler und Fotograf, Aufnahmen von geheimen Militäranlagen zu erstellen, mehr noch, unter Verwendung einer eigens entwickelten Software beobachtet und identifiziert er die verschiedenen Raumflugkörper am Nachthimmel. Mit den Mitteln der neuesten Technik bringt Paglen Bilder ans Licht, die eigentlich nicht für die allgemeine Öffentlichkeit gedacht sind. Ebenso wie Trevor Paglen interessiert sich der italienische Künstler Marco Poloni für die Sichtbarmachung von unsichtbaren Strukturen. Allerdings steht bei ihm nicht die Technik, sondern der Mensch im Mittelpunkt. In der ausgestellten Arbeit erforscht er Erscheinungen von Macht anhand von Führungsfiguren. Doch die gezeigten Herren und Damen, die der Betrachter zu verfolgen glaubt, sind letztendlich nur Stellvertreter, die eigentlichen Träger der Macht bleiben unsichtbar. Die Erfahrung, die Poloni mit dieser Arbeit vermittelt, ist jene der gesellschaftlichen Unsichtbarkeit.
Die kanadische Künstlerin Melanie Gilligan thematisiert in ihren fünf Videos mit dem Titel ›Popular Unrest‹ eine gleichsam noch direktere Überwachung als Trevor Paglens Netz von Geheimdienstsatelliten oder Polonis Sichtbarmachung unsichtbarer Mächtiger. In ihrem Filmprojekt lässt sie den Zuschauer daran teilhaben, wie tiefgreifend sich Kontrolle und Machtausübung auf das Leben des einzelnen Menschen auswirken. Formal an amerikanische Fernsehserien wie ›CSI‹, ›Dexter‹ oder ›Bones‹ angelehnt, erkundet sie filmisch ›eine Welt, in der das Selbst auf seine Physis reduziert und unmittelbar auf die Belange des Kapitals reduziert ist.‹ Das Medienkünstler-Kollektiv The Experimental Visualization Lab hat seinen Sitz an der University of California. Im Kunstverein wird dessen Multimedia-Installation ›Swarm Vision‹ raumgreifend operieren. Mehrere Kameras mit Schwenk-Neige-Zoom-Funktion befinden sich über dem Betrachter und übersetzen die Regeln des menschlich-fotografischen Verhaltens in eine maschinelle Sprache. Alle Kameras kommunizieren miteinander, was dazu führt, dass sie sich untereinander darin beeinflussen, welchen Gegenstand sie im Kollektiv untersuchen. Der Schweizer Fotograf Jules Spinatsch realisiert in der Metropolregion zu jedem der sieben Themenkomplexe des Festivals eine neue Arbeit mit einer speziellen Aufnahmetechnik, die sich computergesteuerter Kameras bedient. Das Resultat sind hochauflösende Panoramabilder – Hybride, die sich zwischen Malerei und der Überwachungstechnologie des Internetzeitalters bewegen.
 

Tags: Melanie Gilligan, Trevor Paglen, Marco Poloni