Heidelberger Kunstverein

Beyond Documentation

Leiko Ikemura, Tadasu Takamine, Susan Turcot

18 Jun - 28 Aug 2016

Tadasu Takamine: ›Japan Syndrom‹, 2012, Filmstill
Leiko Ikemura: ›after dark‹, 2014,
Pigment und Öl auf Jute, 290 × 190 cm
BEYOND DOCUMENTATION
Leiko Ikemura, Tadasu Takamine, Susan Turcot
18 June - 28 August 2016

Kuratiert von Dr. Miya Yoshida

Seit der Katastrophe von Fukushima am 3. März 2011 werden Vermessungen im gigantischen Ausmaß vorgenommen, um sowohl die Einflüsse der Ereignisse auf die Gegenwart als auch Risikowahrscheinlichkeiten für die Zukunft kalkulieren zu können. Während Messwerte eine Realität aus einer bestimmten wissenschaftlichen Perspektive zeichnen, stellt ein poetischer Blick andere Sichtweisen auf Raum-Zeit-Konstellationen her. Denn poetische Vorstellungsweisen ermöglichen es uns, Dinge und Gegebenheiten in einer anderen Taktung oder Skala wahrzunehmen. Sie bieten an, uns von ihnen ebenso leiten zu lassen wie von hochentwickelten Technologien und deren spezifischen Maßeinheiten.
›Sharing as Caring 5: Beyond Documentation‹ zeigt eine Zusammenstellung von Arbeiten von Leiko Ikemura, Tadasu Takamine und Susan Turcot, die in ihrer künstlerischen Praxis die gegenwärtige Situation aus einer poetischen Perspektive beleuchten und uns so subtile Bildwelten der Geschehnisse in Fukushima und ihrer Auswirkungen jenseits des Dokumentarischen eröffnen.
Die japanische Künstlerin Leiko Ikemura präsentiert mit ›Genesis und Tokaido‹ (2014) großformatige Gemälde von imaginären Landschaften, die seit den verheerenden Ereignissen in Fukushima nach und nach in ihrer Vorstellung Gestalt annahmen. Als eine Art Widerhall der Bilder verkörpert die figurative Keramik ›Memento Mori‹ (2012) Stille, Leid, Schmerz und Abwesenheit. Ausgehend von seinen Recherchen in den japanischen Städten Mito, Kyoto und Shimonoseki bringt Tadasu Takamine mit seiner Performance ›Japan Syndrom‹ (2012) Gespräche zwischen unterschiedlichen Verkäufern und deren Kunden in einem Reenactment auf die Bühne. Im Stil einer minimalistischen Ästhetik spielen junge Schauspieler die Gespräche nach. Anhand von Gesten und Sprache wird in vielschichtiges Bild geformt, das die feinen Nuancen des alltäglichen Umgangs mit dem unsichtbaren Feind Radioaktivität erfahrbar werden lässt. Susan Turcot hat für die Ausstellung eine neue, ortsspezifische Arbeit entwickelt. Turcot, deren Arbeiten sich mit der Zerstörung der Natur durch den Menschen befassen, nimmt den ›Heilungsversuch‹ eines japanischen Mönchs zum Ausgangspunkt für ihre Skulptur ›Himawari‹ (2016). Durch das Pflanzen gigantischer Sonnenblumenfelder soll die radioaktive Kontamination des Bodens rund um Fukushima neutralisiert werden. In Auseinandersetzung mit der Architektur des Kunstvereins lässt Turcot eine abstrahierte Sonnenblume kopfüber von der Decke hängen. Den Widerspruch in der Idee eines Atomkraftwerkes als Modell der lebenserhaltenden Sonne und der gleichzeitigen menschengemachten Katastrophe nimmt die Künstlerin in ihrer Installation auf.
Das Vermögen des Poetischen ist politisch – und so widmet sich die Ausstellung ›Beyond Documentation‹ der Herausforderung, die ›Aufteilung des Sinnlichen‹ (Jacques Rancière) mitzugestalten – nicht durch Akkumulation von Information, sondern durch eine Loslösung der Bilder aus dem Bereich des Argumentativen und Dokumentarischen.
›Beyond Documentation‹ ist der fünfte und letzte Teil der Ausstellungsreihe ›Sharing as Caring‹ im Heidelberger Kunstverein. ›Sharing as Caring‹ ist ein kuratorisches Projekt von Dr. Miya Yoshida. Die Ausstellungsreihe startete 2012 und endet 2016 im Heidelberger Kunstverein.
 

Tags: Leiko Ikemura, Jacques Rancière, Tadasu Takamine