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MARC WELLMANN
 

„DIE MACHT DES DINGLICHEN – SKULPTUR HEUTE!“ GEORG-KOLBE-MUSEUM, BERLIN 11. FEBRUAR BIS 28. MAI 2007

Blick in die Ausstellung
Blick in die Ausstellung
Die Ausstellung versteht sich als eine Standortbestimmung des Plastischen in der zeitgenössischen Kunst. Sie vereint 24 unterschiedliche bildhauerische Positionen unter den Stichworten des Haptischen, Konkreten, Abgeschlossenen und Beständigen. „Die Gattung der Skulptur hat in den vergangenen fünfzig Jahren eine enorme konzeptionelle Erweiterung erfahren“, erklärt Kurator Dr. Marc Wellmann. „Sie umfasst seit den 1960er Jahren alle künstlerischen Formungen, Setzungen und Handlungen im dreidimensionalen Raum. Dazu gehören Land Art, Environment, Performance, Rauminstallationen, Videokunst oder soziale Interventionen, ja sogar Architektur wie etwa jüngst Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao. Inmitten dieser extremen Ausweitung der Kategorie Skulptur bleibt dennoch ein fester, sozusagen wesenhafter Kern, der seine Faszination nicht eingebüßt hat, auch wenn er in den vergangenen Jahren vom Kunstbetrieb in den Hintergrund gedrängt wurde. Doch nun spricht man plötzlich von der »Renaissance der Skulptur«“

Auch wenn das Projekt aus völlig eigenständigen Motiven entwickelt wurde und im langjährigen Nachwuchsförderprogramm der Bernhard-Heiliger-Stiftung ihren Ursprung hat, eröffnet es im Jahr 2007 einen regelrechten Reigen von Ausstellungen, die sich der Gattung Skulptur in verstärkter Weise annehmen. Exemplarisch seien in diesem Zusammenhang das Skulpturenprojekt Münster, die fine art fair Frankfurt am Main und Isa Genzkens Bespielung des Deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig genannt.

Die Auswahl der Werke war bestimmt von den Kriterien der inneren Autonomie, Abgeschlossenheit und Beständigkeit. Ausgegrenzt waren von vornherein installative, ephemere oder kontextbezogene Kunstbegriffe. Inmitten dieses konzeptionellen Rahmens eröffnet sich ein reichhaltiges Spektrum objektbezogener Bildhauerei, das sowohl abstrakte als auch gegenständliche Positionen umfasst. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den unterschiedlichen Materialien, die von den klassischen Bildhauertechniken in Bronze, Holz oder Eisen zu empfindlichen, ausschließlich im Innenraum gezeigten Stoffen wie Karton, Polyester, Textilien, Tierfellen oder Gummi reichen.

Gezeigt werden vorwiegend „emerging artists“, die bereits auf dem Kunstmarkt Fuß gefasst haben, ohne jedoch etabliert zu sein. Sie repräsentieren eine jüngere, internationale Bildhauergeneration – geboren zwischen Mitte des 70er und Mitte der 60er Jahre –, von denen die Mehrzahl in Berlin lebt. Der Wohnort war in keiner Weise Voraussetzung für eine Teilnahme. Die Konzentration ist vielmehr eine Folge des anhaltenden Zustroms von bedeutenden Künstlern nach Berlin. Hier sind auch die meisten der Galerie ansässig, die das Projekt durch diverse Hilfestellungen befördert haben.

Zu den bekannten Namen in der Ausstellung zählen Anselm Reyle, Berta Fischer, Thomas Rentmeister und Jonathan Meese. Letzterer wurde in der Öffentlichkeit vorwiegend durch seine Installationen und Performances wahrgenommen, doch arbeitet er seit einigen Jahren auch an einer Serie von Bronzeplastiken, von denen zwei aus Privatbesitz in der Ausstellung gezeigt werden. Auch eine der hyperrealistischen Arbeiten des New Yorker „Skandalkünstlers“ Tony Matelli, der jüngst zu der von Klaus Biesenbach kuratierten Ausstellung INTO ME/OUT OF ME im New Yorker PS1 eingeladen wurde, jedoch bei der zweiten Station in den Berliner KW – Institute for Contemporary Art aus Platzgründen nicht gezeigt wurde, ist hier im Kontext der „Macht des Dinglichen“ erstmals in Berlin zu sehen. Hervorzuheben sind auch die neo-moderne Position des ehemaligen Düsseldorfer Künstlers Florian Baudrexel, die sinnlichen Textilskulpturen von Birgit Dieker sowie die junge Dresdner Bildhauerin Stefanie Bühler, die die Bildideen ihres Lehrers Martin Honert auf eigenständige Weise weiter entwickelt hat. Als beispielhaft für die Neubesinnung auf das Plastisch-Dingliche, dem die Ausstellung auf der Spur ist, lässt sich zudem das Werk des 1976 geborenen Amerikaners Joel Morrison anführen, der in Los Angeles und Berlin lebt und im Kreis von Jason Rhoades seine ersten schöpferischen Impulse erfuhr. Während Rhoades die Dinge des alltäglichen Lebens zu großflächigen Installationen ausbreitete, geht Morrison den umgekehrten Weg, indem er Fundstücke aus seinem Atelier und der näheren Umgebung mit Klebeband zu großen plastischen Gebilden zusammenfügt, die er anfänglich in Fiberglas und Polyester abformte und mittlerweile in Bronze und Edelstahl gießen lässt.