Barbara Thumm

Ann-Sofi Sidén

28 Apr - 02 Jun 2007

Ann-Sofi Sidén
In Passing
28.04. - 02.06.2007

Opening reception: Friday, April 27, 6 - 10 pm

Wir freuen uns sehr, die neue Videoinstallation “In Passing” von Ann-Sofi Sidèn in einer Einzelausstellung präsentieren zu können.

Ann-Sofi Sidéns jüngste Arbeit “In Passing“ (2007) erzählt aus verschiedenen Perspektiven fragmentarisch die Geschichte einer jungen Frau, die ihren Säugling in der Babyklappe eines Berliner Krankenhauses ablegt. Mit dieser Verzweiflungstat setzt sich die Narration der mehrteiligen Videoarbeit in Gang, die auf der einen Seite die institutionalisierte Fürsorge für das Kind und auf der anderen Seite, in Andeutungen, die Geschichte der Mutter schildert.

Die verschiedenen Erzählstränge spielen sich auf diagonal im Raum angeordneten Projektionsflächen und Flachbildschirmen ab. Dabei differieren die gezeigten Sequenzen formal wie atmosphärisch stark. Zwei großflächig nebeneinander gezeigte Videos verfolgen das Geschehen im Krankenhaus vor und nach dem Auffinden des Kindes. Das Schwarz-Weiß der Bilder, der ständig wechselnde Blick in andere Räume des Hospitals sowie ein konsequent erhöhter Kamerastandpunkt suggerieren Aufnahmen von Überwachungskameras. Auf der gegenüberliegenden Projektion hingegen werden die ruhig dahinfließenden farbigen Bilder immer wieder von eingeschobenen Stills durchbrochen. Die Kamera begleitet die Protagonistin auf Augenhöhe bei ihrem Gang zur Babyklappe und danach in eine ungewisse Zukunft. Die junge Frau durchwandert das frühmorgendliche Berlin, das durch eine Tonspur mit den Geräuschen der Großstadt mit heraufbeschworen wird, unter die sich Geräuschfetzen aus dem Krankenhaus mischen.

Das Moment des Durchreisens sowie das Verteilen der Bildinformation auf mehrere große Projektionsschirme manifestieren sich bereits in Werken wie “3MPH (Horse to Rocket)“ (2003), das den gemächlichen Ritt der Künstlerin durch Texas über historische, soziale und technologische Gräben und Hindernisse hinweg beschreibt. Bei “In Passing“ wird der Raum, den die junge Frau durchquert, stärker zu einem Spiegel ihrer selbst. Die hier gezeigten Orte verweisen auf eine Topographie und damit eine Biographie am Rande der Gesellschaft. Zugleich evoziert die Tristesse vieler dieser Plätze wie ihrer Passanten die Bedrängnis einer Person in einer extremen Krise, ein Eindruck, der eher subtil durch Bilder eines das Innere vertretenden Außen als durch eine direkte Zurschaustellung emotionaler Ausbrüche hervorgerufen wird.

Ann-Sofi Sidén bündelt in dieser Arbeit eine Reihe formaler wie inhaltlicher Ansätze früherer Werke, die sich oftmals Menschen in psychischen oder sozialen Grenzsituationen widmen. Dabei wechselt Sidén – etwa in “Who Told the Chambermaid?“ (1998) – zwischen Inszeniertheit und Dokumentarischem sowie Erzählformen, die den Betrachter im Ungewissen über die Herkunft der Bilder lassen. Er wird so zum vermeintlichen Komplizen voyeuristischer Umtriebe, verfolgt ein wohl nicht für seine Augen bestimmtes Geschehen, etwa in einem Hotel, und erhält auch, wie in der aktuellen Arbeit, Einblicke in die Vorgänge eines Krankenhauses, die sich hinter verschlossenen Türen abspielen. Hier ist die Rolle der Betrachter eine ausgesprochen aktive – denn sie haben nicht nur an der Rekonstruktion des Gezeigten teil, sondern sind maßgeblich an der Konstruktion der Geschichte selbst beteiligt. Sie müssen sich, wie in der mehrteiligen Videoinstallation “Warte Mal!“ (1999), die Prostituierte im deutsch-tschechischen Grenzgebiet portraitiert, durch die Installation hindurch bewegen, um ein kaleidoskopartig zersplittertes Ganzes zu erfassen. Vor diesem Hintergrund scheint es fast, als sei eine der jungen Frauen aus der früheren Arbeit herausgetreten, um mit ihrem Schicksal zum Fokus von “In Passing“ zu werden.

(Text: Astrid Mania)

Director: Ann-Sofi Sidén
Director of Photography: Matthias Fleischer
Sound Score: Jonathan Bepler
Production Design: Anette Kuhn
Line Producer: Annett Apelt
Editing: Paul Giangrossi
Girl: Claire Vivianne Sobottke
Baby: Ann Svenningsson
Hospital Staff: Vivantes Klinikum Neukölln
 

Tags: Li Gang, Ann-Sofi Sidén