Kunstverein Hamburg

Benjamin Yavuzsoy

15 - 19 Apr 2015

I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something And Succeed In Life., Benjamin Yavuzsoy, Ausstellungsansicht, Kunstverein in Hamburg, 2015, Foto: Fred Dott.
BENJAMIN YAVUZSOY
I, Too, Wondered Whether I Could Not Sell Something and Succeed In Life
15 - 19 April 2015

„Es ist die Wirklichkeit, welche die Möglichkeit weckt.“ (Der Mann ohne Eigenschaften, Robert Musil)

Die 21 Papierstapel am Boden, von denen jedes einzelne Blatt mit Bleistiftlinien versehen ist, wirken wie ein langer Briefwechsel, der noch nicht stattgefunden hat, aber passieren könnte und zwei oder mehrere Personen in Verbindung bringt, die sich an unterschiedlichen Orten aufhalten. Seit 2004 produziert Benjamin Yavuzsoy linierte Blätter, die sich streng an die DIN-Norm von industriell hergestelltem Briefpapier anlehnen und damit einen technischen Produktionsprozess imitieren. Yavuzsoy zeichnet sie per Hand, arbeitet solange mit ein und demselben Stift bis dieser sich erschöpft. In der Serie, die er im Kunstverein in Hamburg zeigt, hat er für jeden Stapel einen Bleistift mit jeweils unterschiedlicher Stärke verwendet. Die Stapel sind den Bleistiftsstärken entsprechend in einer Reihe angeordnet, sie sind Zeichnungen, die ein eigenes Konzept von Maß und Zeit entwickeln, das unseren gewohnten Gesetzmäßigkeiten widerspricht.
In Hamburg zeigt Yavuzsoy neben der Serie an Zeichnungen zwei Videomontagen, in denen früher entstandene Videobriefe zusammengeführt werden, sowie seine aktuellen Videoarbeiten: In „Der Blumenbote“ spaziert ein Mann mitten in Hamburg an der Alster entlang mit einer Leiter, die er an eine alte Straßenlaterne lehnt, um über dem Dach der Laterne ein Päckchen Mehl auszuschütten. Das Mehl rieselt für einen kurzen Moment auf den Gehsteig, bevor der Mann den Ort des Geschehens wieder verlässt. Yavuzsoy inszeniert Momente, in denen alltägliche, gesellschaftlich determinierte Abläufe aufgebrochen werden, in denen er Kodizes freilegt und strikte Verhaltensweisen mit absurden Interventionen konfrontiert. Parks, Dachböden, Werkstätten oder Wohnungen, gewöhnliche Außen- sowie Innenräume bilden das Setting für die unerwarteten Handlungen. Es sind subtile Eingriffe, Störungen, die davon berichten, welche Wünsche, Erwartungen und Begehren wir hegen und welche uns Ängste beherrschen in unserem getakteten und auf Effizienz getrimmten Alltag. Der geschäftige Lauf wird für einen Augenblick unterbrochen: Welche Rollen spielen wir? Yavuzsoy stellt unseren Begriff von Normalität in Frage.

Ann Hamilton und David Ireland produzierten zu ihrer Ausstellung 1992 im Walker Art Center in Minneapolis das Foto „Blowing Flowers“. Es zeigt sie einander Mehlfontänen entgegen pusten – ein temporär materialisierter Dialog, ein visualisierter Austausch, non-verbal. Das Bild wurde zu Werbezwecken genutzt und beruht im Grunde auf einem Sprachspiel oder einem Versprecher, je nachdem: Während im Französischen fleur de farine äußerst feines Weizenmehl bezeichnet, klingen im Englischen flour und flower zum Verwechseln ähnlich. Durch die Verkehrung der Worte, durch den Bruch mit sprachlichen Festlegungen, wechseln auch die Attribute und das Verteilen von Mehl wird zu einer Geste der Generosität, als würden einem Fremden Blumen überreicht. Yavuzsoy hat das Material in verschiedenen Videoperformances eingesetzt und temporäre Formungen gestaltet, die nur mit Hilfe einer Kamera dauerhaft festzuhalten sind. Grundsätzlich inszeniert der Künstler seine Performances für die Kamera, auch wenn sie im öffentlichen Raum stattfinden, wird das Ereignis nicht kommuniziert. Für Yavuzsoy liegt die Auseinandersetzung nicht in der direkten Konfrontation, für ihn ist Poesie Mittel zur Irritation. Seine Videos und Zeichnungen sind humorvolle, sensible Poeme, die die Grenzen von öffentlichem und privatem Raum beschreiben, die gesellschaftliche Prozesse anhand eines sehr intimen Blicks zeigen, der die Wirklichkeit unter anderen Prämissen betrachtet. Sie beinhalten eine Form von Versprechen, die nichts mit den Erfolgs- und Glücksmaximen unserer heutigen Gesellschaft zu tun hat. Das Versprechen ist vielmehr, dass nicht zählt, wie es wirklich ist oder wirklich war, sondern dass es andere Möglichkeiten gibt. Das Mögliche ist eine Fähigkeit, es bedeutet immer auch die Macht zur Veränderung sowie das Denken der Optionen, in dem das Andere und Zukünftige ihren Platz haben.

Benjamin Yavuzsoy (geboren 1980 in Bremen, lebt und arbeitet in Hamburg) studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg bei Eran Schaerf und Wiebke Siem. Im Anschluss war er Villa Romana Preisträger in Florenz, Italien. Ausstellungen hatte er u.a. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, Quadrart Dornbirn, Österreich, frida martha tannhäuser, Berlin, Haus am Waldsee, Berlin.

Die Ausstellung wird kuratiert von Bettina Steinbrügge und Nadine Droste. In Kooperation mit der Kulturbehörde der Freien und Hansestadt Hamburg. Zur Ausstellung ist eine Publikation erschienen.
 

Tags: Ann Hamilton, Eran Schaerf, Wiebke Siem, Bettina Steinbrügge