Kunstverein Braunschweig

Pamela Rosenkranz

04 Dec 2010 - 20 Feb 2011

© Pamela Rosenkranz
Strech Nothing, 2009
Courtesy Karma International, Zürich
PAMELA ROSENKRANZ
Untouched by Man
4. Dezember 2010 bis 20. Februar 2011

Pamela Rosenkranz gehört zu den interessantesten Vertreterinnen der jungen konzeptuell arbeitenden Szene in der Schweiz. Nach Beteiligungen an bedeutenden internationalen Ausstellungen wie der 5. Berlin Biennale oder der Manifesta 7 und Einzelausstellung u.a. in der Kunsthalle Genf oder im Swiss Institute in Venedig, werden ihre Arbeiten nun erstmals als institutionelle Einzelausstellung in Deutschland einen breiteren Publikum präsentiert. Für die Ausstellung in Braunschweig werden neue Arbeiten entstehen.

Pamela Rosenkranz nimmt in ihren Installationen Eingriffe vor, die mit der Verschiebung
von Sinn und Wahrnehmung spielen. Durch minimale Brüche in Bildern aus einem kollektiven Gedächtnis und Decollagen verschiedener Alltagsgegenstände unterwandert Rosenkranz experimentell und nicht selten humorvoll erlernte Seh- und Interpretationsmechanismen.
Scheinbar beiläufig stellt Rosenkranz in die Remise des Kunstvereins Mineralwasserflaschen von Evian oder Figi. Irritierend und abschreckend zugleich sind sie mit rosa oder beige-bräunlichen Silikon gefüllt, das der menschlichen Hautfarbe gleicht. Firm Being (2009) nennt Rosenkranz ihre Installation und lässt die Flaschen eine Sinnverschiebung erfahren. Nun sind sie Metaphern für ein konstruiertes Image, das Firmen mittels geschickter Marketingstrate-gien ihren Produkten auferlegen.

Das gleiche teintfarbene Silikon taucht auch auf mehreren Wandarbeiten (Stretch Nothing, 2009) auf. Auch hier täuscht der erste Eindruck von einem mit Gold und Silber überzogenem Gemälde: Rosenkranz hat Emergency-Blankets gerahmt und als Bild installiert. Die Künstlerin hat zuvor ihren Körper mit flüssigem Silikon bestrichen und sich in die Rettungsdecken gewickelt, sodass nun die Spuren ihrer eigenen Körperlichkeit in dem metallenen Material eingeschrieben sind.

Die Videoarbeit Unfade (2008) zeigt Hannah Arendt beim Rauchen, was die jüdische Publizis-tin zeitlebens sehr zelebriert hat, in einem tonlosen Loop. Allerdings sehen wir nur wie sie den Rauch einatmet, nie wie sie ihn ausbläst. Auf das Rauchen als Symbol der Macht ver-weisend, demonstriert Unfade einen Akt des persönlichen Widerstands. Gleichzeitig umreißt die Videoarbeit auf sehr intime Weise das knappe Vokabular der Gesten, mit denen es Arendt gelang, eine eindrucksvolle Aura der Souveränität zu erzeugen – und legt damit ganz nebenbei eine Fährte in ihr eigenes Werk, das genau darum kreist: Um das Einfangen vager Erinnerungen, Erfahrungen, Gesten und Gefühlszustände, die Erkenntnis überhaupt erst möglich machen, indem sie eine Beziehung zwischen Sprache, Körper und Geschichte stiften.
Welche Denkräume sich durch Irritationsmomente auftun können, zeigt die Arbeit, in der Rosenkranz eine mit Leim bestrichene Weltkarte zeigte, die sie nach dem Prinzip eines Rorschach-Tests zusammen gefaltet hatte. Das Auseinanderreißen der verklebten Ober-flächen hinterließ eine Leerstelle, die sich wie ein neuer Kontinent über die alte Welt legte. Der Titel Ich habe beinahe alles vergessen (2008) fordert zu einem Gedankenspiel auf: War hier wirklich etwas abhanden gekommen? Oder war die ursprüngliche Topografie der Welt-karte nicht lediglich verschüttet von ihrer Kehrseite, die nun plötzlich als weißer Fleck, der einer neuen, spontanen Interpretation harrte, fast die gesamte Welt bedeckte?

Zur Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit dem Centre d’Art Contemporain, Genève, wo Pamela Rosenkranz vom 27. März bis 16. Mai 2010 in einer Einzelausstellung präsentiert wurde, im Verlag der Buchhandlung Walther König ein umfassender Katalog erscheinen.
 

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