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MARTIN WALCH
 

MICHAEL DONHAUSER: KALTE AUGEN / MANDALA / PIER / TRANSFORMATOR

KALTE AUGEN

Zu leicht scheint da lesbar, was ich gerne in die Nicht-Selbstverständlichkeit zurückholen möchte, zu schnell sind die Worte da zur Stelle, welche das Gegebene in Gegebenheiten der interaktiven Raumkunst auflösen, so dass sich die Frage stellt, was darüber hinaus bleibt, nicht nachdem, sondern bevor die Begriffe die Sache in einen Raster gebracht haben – dies zu fragen heisst, zu zögern, an der Schwelle, den Raum vorerst nicht zu betreten, was widersinnig scheint, doch in dieser Widersinnigkeit ist vielleicht der Ansatz zu einem anderen Lesen. Denn es kommt dann, allmählich, etwas auf, was ähnlich sonderbar berührt, wie wenn wir einen stillgelegten Bauhof oder Spielplatz sehen, eine leere Bahnhofshalle, einen verlassenen Kirchenraum: die Schläuche mit den Linsen, filigranen Säulen ähnlich, erzeugen so lotrecht und in Reihen oder verteilt etwas Gotisches, eine Höhe als Mass, das uns übersteigt – ein Ertönen könnte man es auch nennen, dieses Hohe, das selber masslos einst Mass war für unser Menschsein. Und ich denke, dass man, so an der Schwelle zögernd, durch die Gummisäulen an jenes verlorene Mass der Masslosigkeit erinnert sein muss, will man den Raum nicht nur als interaktive Spielwiese betreten, was einem zudem immer noch offen bleibt – denn erst jene Höhe erinnernd und also in Bezug zu ihr wird, was da als Linsen in unterschiedlichem Abstand zum Boden angebracht ist, auch Kritik, das heisst: jede Augenhöhe ist als jene der Linsen nicht nur verschieden, sondern ebenso nivellierbar, indem man die Linse im jeweiligen Schlauch auf die eigene Augenhöhe bringt. Und dies ist nun, noch einmal, nicht nur ein lustiges Spiel, sondern macht auch deutlich, wie heillos subjektiv nicht allein die je eigene Blickhöhe ist, sondern wie mühelos sich jede andere auch aneignen lässt, und zwar nicht mehr, indem man sich streckt oder bückt, sondern indem man den anderen Blick zu sich herunter oder hoch zieht: eine Erfahrung des Anderen in seiner Andersheit, ob nun als Mensch oder, fundamentaler, im Verhältnis zu jenem masslosen Mass scheint so nicht mehr möglich – damit aber ist auch die Erfahrung eines Ichs als eines nicht nur beliebig nivellierbarem in Frage gestellt.


MANDALA

Vielleicht stellt sich die Aufgabe hier, über das Verhältnis von Ornament und Kombination nachzudenken, denn Ornament ist wohl ein in der Wiederholung Ruhendes, während Kombination auf ein Regelspiel der Austauschbarkeit deutet und so der Variation nahe kommt – eigen ist beiden, dass sie zu einer scheinbaren Unendlichkeit tendieren, die Wiederholung mehr noch, da die Anzahl möglicher Kombinationen auch begrenzt gedacht werden kann. Das Besondere der Verbindung beider aber ist, dass sie sich gegenseitig bereichern, dass also das Ornament um das Moment der Bewegung und die Kombination um jenes der Gleichmässigkeit bereichert wird, was heisst, dass etwas zutiefst Orientalisches und eine experimentelle Offenheit gleichsam interferieren – doch das Besondere reicht noch weiter, denn, was da als Repetition entworfen und gleichzeitig kraft der Austauschbarkeit seiner Einsinnigkeit beraubt wird, erzählt, es erzählt vom gewinnbringenden Verlust der Herkunft beider. Denn, noch einmal, Ornament wie Kombination gehorchen allein der Art, als Schachteln mit geschnittenen Mustern gestapelt oder gereiht zu sein: die Kombination ist kein Tausch von unterschiedlichen Elementen, es gibt sie nur als Variation der Form des Ganzen, und das Ornament, es ziert nicht oder nichts als ebendiese Form. Was Architektur oder Skulptur ist, wird so nicht skelettiert, nicht durchsichtig gemacht und schon gar nicht auf einen inneren Zusammenhang hin, denn es ist gerade das Äusserliche, das Ornament hier Skelett, und jede Fügung ist nicht fest, sondern variierbar, so dass, wo nichts mehr verlässlich zu tragen scheint, gerade das Tragende sichtbar wird: das Nichts nämlich, das aller Setzung voraus ist. Doch über all dies täuscht das Dekorative, das den Schachteln, so ornamental, wie sie geschnitten sind, eigen ist, hinweg – und das ist wohl noch einmal ein Besonderes, denn da wird, was gesagt wird, kaum gesagt, kaum auch gezeigt, was gezeigt wird, das heisst: fast verbirgt sich unter dem Deckmantel, nur Kunst zu sein, hier das, was als Kunst das Selbstverständliche durchsichtig macht auf jene Leere hin, welche alles, was vom Menschen ist, ob Skulptur oder Architektur, durchwirkt.


PIER

Das Prinzip von Wiederholung und Variation wiederholt und variiert sich hier,
denn es sind wiederum Schachteln, welche gestapelt und gereiht werden, doch das Ornament ist ein nahezu unornamentales, es erinnert eher an Gitterstäbe und Tiertransporte denn an orientalische Trennwände – und doch hat die Reihung der Stäbe etwas, was das Auge auch zur Ruhe kommen lässt, während die Bewegung innerhalb der Arbeit wiederum durch die kombinatorischen Möglichkeiten gegeben ist. Doch hier ist nicht nur eine werkimmanente Ausdehnung, sondern wesentlich diesem Hier ist, dass es bald da, bald dort realisiert werden kann – und so wurden die Schachteln auch an unterschiedlichen Orten in unterschiedlicher Form aufgestellt, also dass sich jedes Hier je mit einem Nun als einer zeitlichen Umgebung oder Dauer verband und tageszeitliche Veränderungen erfuhr, wobei die Orte eher Ödflächen waren, Brachen, Randzonen, eine Verkehrsinsel oder ein Strand. Das dokumentieren die Photos, die nicht schlichtweg nur Dokumentationen sind, sondern Teil der Realisation, selbst wenn die Schachteln, einmal aufgestellt und photographiert, nicht zerstört werden, sondern gefaltet, um anderswo wieder entfaltet eine andere Form zu bilden, welche sich wiederum anders zu der Umgebung verhält – doch verhält sie sich? Ist es nicht eher so, dass sie fremdartig in der Fremdartigkeit bleibt, etwas hausförmig, doch ohne die fremde Fremdartigkeit zu besetzen oder sich zu assimilieren, in jener Weile, da sie von Verkehr und Stille oder einem Sandtreiben, einem Blättertreiben umgeben ist und gestreift wird oder berührt auch vom Abendtau? Doch es geht hier nicht um das echte Bild an seinem wahren Ort, wohl aber um den richtigen Platz für die Dauer eines Hier und Nun: um den in seiner Fremdartigkeit verwandten Platz und so um eine Art Heimat der Heimatlosigkeit, unter einem Himmel ohnegleichen.


TRANSFORMATOR

Immer wieder denke ich an jene Eislaufbahn in Enschede, und wie sie da errichtet worden war, für die Wintermonate auf dem Hauptplatz, neben dem dunklen Körper der Kirche, und denke so an das Vergnügen, dort, in der Kälte, die Dämmerung zu sehen, wie sie nach und nach und bald schon dunkler war als die Lichter der Gasthausschilder, der Bogenlampen, am späten Nachmittag, wenn die Nacht dann sank auf den Platz und auf das Treiben, das Kreisen auf der Bahn, während die Kälte ein Duft war, ein Klang, der ein Leben versprach, jenes, nämlich dieses etwas verlorene in der Abgeschiedenheit einer fremden Stadt. Vielleicht sind es solche Bilder, welche da erwachen mit dem Gehen über ein Eis, das kein Eis ist, doch erinnert an das Eis, so wie die Lichter erinnern an die Blumen, da sie wie Blumen waren, die Erinnerungen, die da stiegen und blühten auf, in die Nacht, in der Nacht, dass jeder Schritt bedeutsam war, wie einst, wenn auch aller Bedeutungen bar, da ich etwas ging, um nicht zu frieren, und es war, als wäre ungeboren, was sich als Welt doch enthüllte, in wunderlicher Entzauberung und in Gedankengängen, welche immer wieder führten zu jenem Undenkbaren, das aus den lichten Nebel im Schein der Lampen und Schilder zu sprechen anhob – da ich am Ende so am Anfang war und sich dunkel verzweigte oder Bilder streute wie Laub, was als Silben, als Laut dann sank oder stieg, wenn ein Hupen, wenn Stimmen bald nah, bald von dort, wo sie verklangen, kehrten wieder, während ich zögerte, aufzubrechen, und hörte und sah und trank, als wäre ein Trinken alles Atmen, der Abend ein Spiel und alles Sagen ein Wägen, denn, was da kreiste und ertönte, es war von Zeit zu Zeit wie stillgelegt, wie erloschen und spiegelte noch und leise als matter Glanz auf dem verlassenen Eis.

Michael Donhauser, November 2008