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VASSILIEA STYLIANIDOU
 

THE ARTISTIC SKILL OF VASSILIE...

The artistic skill of Vassiliea Stylianidou in the series of works "pro.fiction01perpetuum mobile", focuses on the juxtaposition and the intermingling of real and imaginary topographies and the creation of virtual spaces of human coexistance. Her work refers to the notion of utopia (as a virtual non-space) and its sociopolitical dimensions. Stylianidou ́s landscapes function mainly as psychotropic spaces, in which either former creatures-objects (the produce of digital processing) appear in fine choreographies of rhythm and immobility or in which human figures emerge. The dimension of unfamiliar precence and characteristic silence defines their minutest movement. Particularly in the video installation "pro.fiction01 perpetuum mobile03", the viewer is involved in the reality of the film and becomes a participant of such post-real, ironic and whimsical look on the world.
©2006 Dr. Sotirios Bahtsetzis

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Vassiliea Stylianidou investigates systems of order and discipline, such as the methodical discipline of contemporary workplaces. Present-day interior space has a tendency to become a very rigidly organised system, and the artist seeks to elucidate the means of its composition. She designs a complete virtual city based on the same austere functional rules. This city combines a Platonic utopia with the same interaction that is offered to today ́s video gamers. Another archetypal issue that preoccupies Vassiliea Stylianidou is the relation between interior (man-made) and exterior (natural) spaces. The romantic dimension of this relationship reaches its climax when she transforms a real person into a product, based on all the prescribed standards that are required by the strict rules of commerce and production.
Thanasis Moutsopoulos, 2004.

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Galerie Françoise Heitsch Munich

Vassiliea Stylianidou
<perpetuum mobile>
Installation with Video
Photography and Objects

18. February 2005 - 2. April 2005

The sceneries in the videos of Vassiliea Stylanidou are oddly surreal. Sober urban situations or monumental arenas in nature are irritating: their atmosphere is curiously calm.

The rhythm of the protagonists is slow – be they human bodies that in their ever-recurring movements are released from the linear course path of causal contexts; or pulsating geometric bodies and amorphous entities whose artificial surfaces betray their digital provenance.

Vassiliea Stylanidou links these two worlds. The apparently “normal” reality that we navigate on a daily basis comes together with her own fiction, expressed in animated bodies whose presence and being can be fathomed somewhere between the threatening and the magical.

It is a sensational journey that eludes precise definition: the situation remains open for individual interpretations. What is real? What becomes part of the scenery?

In a keen choreography of rhythm, silence and light, the artist stages her playfully ironic view of the world, which begins as curious observation of her surroundings, and which she then extends to the borders of the imaginary.

In her videos, sequences often continue for minutes without apparent movement. The boundary between the media film and photography is probed; the montage of frames becomes a film sequence. The meditative movement occurs through digital animation of the objects, whose ambivalent essence can be a surface of self-reflexive projection on the one hand, and a sensual repository for nature on the other.

Vassiliea Stylanidou questions reality at this critical juncture. She highlights particular constellations in her photos and film stills that play with the sceneries, where evasion and ambiguity are inherent to the game. The encounter among persons, strange forms, and surfaces are captured associatively in aphorisms, which in turn develop a life of their own, both visually and conceptually.

Carolin Haecker
(translated by Alisa Anh Kotmair)

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(deutsche version)

Galerie Françoise Heitsch München

Vassiliea Stylianidou
<perpetuum mobile>
Installation mit Video
Fotografie und Objekte

18. Februar 2005 - 2. April 2005


Die Szenerien in den Videos von Vassiliea Stylianidou wirken seltsam surreal.
Irritierend erscheinen die nüchternen urbanen Situationen oder monumentalen Schauplätze in der Natur, denn merkwürdig ruhig ist darin die Atmosphäre.

Der Rhythmus der Protagonisten ist langsam – seien es menschliche Körper, die in ihren stets wiederkehrenden Bewegungen der linearen Bahn von kausalen
Sinnzusammenhängen entrückt sind oder sei es das
Pulsieren der geometrischen Körper und amorphen Gebilde, deren artifizielle Oberflächen ihre digitale Herkunft verraten.
Vassiliea Stylianidou verbindet beide Welten: die scheinbar „normale“ Wirklichkeit, in der wir uns täglich bewegen mit ihrer eigenen Fiktion, ausgedrückt in animierten Körpern, deren Präsenz und Wesen sich irgendwo zwischen bedrohlich und magisch erahnen lässt. Es ist eine Empfindungsreise, die für den Betrachter nie eindeutig definierbar wird - die Situation bleibt offen für die eigene Interpretation. Was ist real? Was wird zur Kulisse?

In der feinen Choreographie aus Rhythmus, Stille und Licht inszeniert die Künstlerin ihren ironisch-spielerischen Blick auf die Welt, der seinen Anfang immer in der neugierigen Beobachtung ihres Umfeldes nimmt und den sie weiterführt an die Grenzen des Imaginären.

In den Videos wiederholen sich die Sequenzen oft minutenlang ohne jegliche Bewegung.
Die Grenzen zwischen den Medien Film und Fotografie werden ausgelotet, die Montage aus Einzelbildern wird zur Filmsequenz,
die meditative Bewegung erfolgt durch digitale Animation der Objekte, deren ambivalentes Wesen einerseits selbstreflexive Projektionsfläche, andererseits sinnliches Behältnis für Natur sein kann.

In diesem Spannungsfeld hinterfragt Vassiliea Stylianidou die Wirklichkeit. Sie markiert besondere Konstellationen in ihren Fotografien und Filmstills, in denen das Spiel um Schauplätze und das darin Verstecken und Verschweifen kreist.

Die Begegnungen von Personen, fremden Formen und Oberflächen pointiert sie assoziativ in Aphorismen, die visuell und begrifflich ihr Eigenleben entwickeln.

Carolin Haecker

Exit Architekturen. Der verlassene Anthropo-Kosmos
Zu Vassiliea Stylianidous Videoinstallation
do you want to kill me, baby?

”Es ist merkwürdig, dass wir uns für ein vernünftiges Wesen keine andere schickliche Gestalt als die eines Menschen denken können.” (Kant)

Offenheit und Angst
1931 schrieb Helmuth Plessner gegen den zu seiner Zeit hegemonial werdenden Trend an, bündelnde, also faschistische Konzeptionen in die obdachlose menschliche Natur und den menschlichen Geist hineinzulegen. Von Überwölbungen, so Plessner, ist nichts zu erwarten, außer, dass sie zusammenstürzen. Plessner machte im Gegenzug etwas stark, das er exzentrische Positionalität des Menschen nannte. Diese Positionalität sollte plausibel machen, warum geschichtliche Praxis und gesellschaftliche Praxis weiterhin aufeinander angewiesen sind und nicht stillgestellt werden können durch Philosophien, Theorien oder Ideologien, die letztlich nur Ausflüsse sind des Unternehmens, vom Menschen eine neutrale Definition in einer neutralen Situation anzufertigen. Es ging, mit einem Wort, um die Aufrechterhaltung der Notwendigkeit, offen offene soziale Beziehungen der Menschen zu organisieren, um dem Menschen zu entsprechen. Was in den konservativen Konzepten als Gefahr und Überforderung für den Menschen gedeutet wurde, das machte für Plessner die Spezifik des Menschen aus. Plessner plädierte also dafür, das Experiment Mensch und menschliche Gesellschaft fortzusetzen. Das Experiment besteht darin, die konstitutionelle Unabgeschlossenheit des Menschen in den Organisationsweisen sozialer Beziehungen der Menschen einzuholen.
– Was uns Vassiliea Stylianidou in ihrem Entwurf einer fiktiven Stadt, in der absolute Sicherheit herrscht, zeigt, ist ein Zustand, in dem sogar die Erinnerungen an offene soziale Beziehungen der Menschen verschwunden zu sein scheinen: Einzig die umfassend verbreitete Angst, ”die die Mitarbeiter überzeugt, Begegnung zu vermeiden” (Stylianidou), speichert die Spur eines ehemals gelebten Lebens, das Spuren hinterließ und indiskret war. Und damit unsicher.
Die Angst vor Begegnung mit Menschen innerhalb einer Stadt, deren Matrix darauf ausgelegt ist, jegliche Formen der Unsicherheit und Bedrohung durch die unkontrollierte offene Beziehung zwischen Menschen zu eliminieren, scheint zudem der letzte Posten zu sein, der daran erinnert, dass es sich bei den in ihr lebenden Menschen noch um Wesen aus dem Sozio-Anthropos handelt und nicht nur um komplexe, nicht-triviale, operational geschlossene autopoietische Maschinen. Aber man arbeitet daran, auch noch die letzten Situationen auszuräumen, in denen Menschen als begehrende, begehrliche, als fordernde, als gefühlsmäßig abhängige, als unkontrollierte Wesen adressiert und herausgefordert werden. Stylianidou: ”So entscheide ich mich für die radikalere Konzeption jedes Moduls für nur eine Person. Die audiovisuelle Präsenz des Anderen erfolgt ununterbrochen. Und Regelungen über physische Begegnung gibt es nicht. Sie ist aber auch nicht verboten oder blockiert. Es ist aber die Angst, die die Mitarbeiter überzeugt, Begegnung zu vermeiden. So üben sie sich ein in eine unabhängige transparente Distanz”.
Das Prinzip der Stadt, so Stylianidou, ist ”Einfachheit mit Hilfe der Technologie, Reduktion der Gefühle und der Vielfalt, die in den bekannten traditionellen Städten verbreitet ist. Alles, was es geben soll, ist von den Grundgesetzen des Konzerns bestimmt; und alles, was nicht geregelt ist, gibt es nicht und kann daher auch nicht auftreten”.

Kontexte
Vassiliea Stylianidous Arbeit ragt in jeden der Horizonte hinein, die durch folgende Begriffsunterscheidungen aufgemacht werden: Kontingenz/ Notwendigkeit (Spinoza, Luhmann), Moral/ Funktion (Homer, Locke), Sicherheit/ Freiheit (Hobbes, Gronemeyer), Kapital/ Arbeit (Marx), Vernunft/ Angst (Adorno, Freud), Besonderes/ Allgemeines (Hegel, Deleuze), Disziplin-/ Kontrollgesellschaft (Foucault), Natur/ Kultur (Aristoteles, Kant);heraus ragen indes die Fragehorizonte ‘Freiheit und Sicherheit’ sowie ‘Natur und Kultur’. Focus der Stylianidou’schen Ästhetik bleibt dabei die architekturale Umsetzung einer maximalen Reduktion dessen, was man das Humanum, was man Zwischenmenschlichkeit, was man Gefühl zu nennen pflegt. Stylianidou: ”Wie leer kann der Mensch sein? Wie reduzierbar kann der Mensch sein? Wie sieht der Bezug zwischen Freiheit, Vielfalt und Sicherheit aus? Was ist die Rolle der Sprache, was die der Erzählungen und Mythen?”
Kurzum: Stylianidous Stadt A 1 erzeugt einen Sog des Nachdenkens, der –genau wie die Arbeit selbst– ohne Umschweife ins radikale Denken führt. Radikalisiert wird in ihrer Arbeit die Frage, ob Menschen notwendige Beziehungen zu sozialen Beziehungen brauchen, um Menschen zu sein.
Es erstaunt daher nicht, dass diese fiktive Stadt, ”in der absolute Sicherheit herrschen soll”, nicht als eine bloße science fiction-immanente Variante negativer Utopie daherkommt, sondern sich vielmehr als Gestalt einer abstraktionsforcierenden Zivilisierungszucht erweist, die in der Naturbeherrschung ihren Ausgang nahm. Diese ist total und – zu Ende gedacht – kannibalisch. Denn ”Naturbeherrschung ist [..] keineswegs nur die Bannung der Gefahren, die in der Natur lauern. Es geht um die ganze Natur. [...] Nicht nur die unheimliche, auch die heimliche, nicht nur die drohende, auch die stille Natur ist Angriffsziel. [...] Eliminierung von Überraschung ist ein viel umfassenderes Vorhaben, als dass es mit Eindämmung oder Beseitigung von Gefahr getan wäre. Die Maßlosigkeit dieses Unternehmens entspricht der Unersättlichkeit des Sicherheitsanspruchs. Diesem Vorhaben gemäß muß jede Erscheinung der Natur, insbesondere aber das, was noch nicht einmal in Erscheinung getreten, also verborgen ist, mit Reflexion durchdrungen werden. [...] Vernunftgemäße Umwandlung der Natur bedeutet, dass die Reflexion das 'sich' zum Verschwinden bringt, d.h.: Die Reflexion kehrt sich gegen die Reflexivität. Diese Feststellung ist mehr als ein Wortspiel. Es tritt darin ein Widerspruch zutage, der am Ende auf die Selbstaufhebung der Reflexion hinausläuft.”
Stylianidous Entwurf einer städtischen Gesellschaft, die in ihrer räumlichen und _sozialen’ Architektur die Entanthropologisierung und die Entanthropomorphisierung schon so weit umgesetzt hat, dass die menschlichen Gestaltungen nach anderen denn menschlichen Gesetzen geregelt werden, zeigt ohne Pathos und ohne Aufgeregtheit, wie es ist, wenn man sich über Gebräuche, Prozeduren, Inszenierungen und Verhaltensweisen von Lebewesen ausläßt, die es nicht mehr gibt, wenngleich sie da sind, die also letztlich nur noch zu-handen, aber nicht mehr vorhanden sind. Für diesen Bereich zwischen Leben und Tod passte wohl der Term ”Leblos”. Den Titel der Arbeit "do you want to kill me, baby?" darf man gerne als paradoxe Aufforderung verstehen, loszuleben, in der gleichen Art und Weise, wie wir Heutigen dazu aufforderten mit der Frage: ”do you want to kiss me, baby?”
Zum Schluß: 1992 entstand Bruce Naumans Videoinstallation "Anthro/ Socio". Auf drei Projektionsflächen und sechs Monitoren ist der Kopf eines Mannes in verschiedenen Aufnahmen zu sehen. Während er sich unaufhörlich um die eigenen Achse dreht, singt er in verschiedenen Tonhöhen ”FEED ME/ EAT ME/ ANTHROPOLOGY”, ”HELP ME/ HURT ME/ SOCIOLOGY”, und ”FEED ME, HELP ME, EAT ME, HURT ME”.
Heute, 10 Jahre später, erscheint selbst diese elementare Reduktion, die Nauman am Menschen vornimmt, von der Sache her als expressionistische Gestalt, hat man Stylianidous Videoinstallation im Blick. Der sozialanthropologische Kosmos ist leergefegt. Die in der Stadt realisierte Vision, das HURT ME zu eliminieren, hat dazu geführt, die gesamte Balance des sozio-anthropologischen Gewebes zu kippen. Übrig bleibt eine Art des FEED ME, das man mit Stylianidous Ästhetik vielleicht so übersetzen könnte: ”MODULE THAT/ THAT MODULE” und ”MODULE DEATH/ DEATH MODULE”.

bernd ternes

1. Michael Oppitz, Notwendige Beziehungen. Abriss der Strukturalen Anthropologie
2. Marianne Gronemeyer, Das Leben als Letzte Gelegenheit. Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit