Kestner Gesellschaft

Aaron Curry

05 Apr - 24 May 2010

Aaron Curry, Ohnedaruth, 2009
Steel, 252 x 108 x 122 cm
© Aaron Curry, Private collection
AARON CURRY
Bad Dimension
05 March – 24 May 2010

Der amerikanische Künstler Aaron Curry (*1972) studierte u.a. in Los Angeles bei Mike Kelley und bei Richard Hawkins. In seiner jungen Karriere hat er eine eigenständige künstlerische Sprache entwickelt, die trotz offensichtlicher Bezüge zu kubistischen und surrealistischen Bewegungen der klassischen Moderne unverkennbar ist.
Bevorzugt arbeitet Curry in Medien wie der Grafik, der Malerei, dem Siebdruck und der Skulptur. Seine Skulpturen bestehen aus Materialien wie Stahl oder Holz und sind mit Acryl- oder Sprayfarbe überzogen. In ihrer Erscheinung lassen sie vage an Arbeiten von Henry Moore oder Pablo Picasso und deren spezifische Beschäftigung mit der menschlichen Figur denken. Andere Werke erinnern an amerikanische Künstler wie Alexander Calder oder John McCracken, die jeweils Meilensteine in der künstlerischen Weiterentwicklung des Genres der Bildhauerei gesetzt haben.
Während Teile der Avantgarden der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Darstellungsweisen von damals als primitiv bezeichneten Kulturen nutzten, um neue Impulse für ihre Bildwelten zu erschließen, bedient sich Curry in seinen Werken in den zeitgenössischen Medienkulturen: Er nutzt 3D-Computerspiele, Fantasy-Filme oder angrenzende Genres wie etwa Science Fiction als Inspirationsquellen. Zudem beschäftigt er sich intensiv mit bildlichen Phänomenen der amerikanischen Folklore, dem Kunsthandwerk und einst gegen- kulturellen Techniken wie etwa dem Graffiti. In seiner künstlerischen Arbeit schafft Curry eine Umkehrung: Er kombiniert dominante Ästhetiken unserer popkulturellen Gegenwart mit Formvokabularen, die die Fundamente der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts prägen. In der Collagierung so unterschiedlicher kultureller und zeitlicher Stile wirken Currys Skulpturen wie mysteriöse Totemfiguren, wie Schatten der Moderne, die so als Relikte eines eigentümlichen Kultes erscheinen. Offenkundig wird dies auch in Currys neuesten Skulpturen, die etwa Bezug auf Alexander Calders »Le hellebardier« (1972) nehmen, der vor dem Sprengel Museum Hannover steht.
Die visuelle Erscheinung von Arbeiten wie Ohnedaruth (2009) vermittelt den Eindruck enormen physischen Gewichtes. Bei näherem Hinsehen wird aber erkennbar, dass sie aus ineinander verschachtelten Einzelteilen bestehen. Die Zerbrechlichkeitder Konstruktion läuft der grotesken Monstrosität zuwider, die sich auf der Bildebene offenbart. So kombinieren Currys Werke in technischer Ausführung und visueller Wirkung die Pole, zwischen denen sich die Kunstwahrnehmung von Skulpturen abspielt: Zwischen einer abstrakten, in sich gekehrten Selbstversunkenheit und einer raumgreifenden Wirkung, die figurative Deutungen erlaubt. Die Skulpturen zeichnen sich durch eine besondere Form der Multiperspektivität aus – von jedem Betrachterstandpunkt offenbart sich ein neues Bild. Je nach Blickwinkel pendeln die Werke zwischen zweidimensionalem Bild und dreidimensionaler Figur, zwischen abstrakter Fläche und organischem Körper. Damit werden die Grenzen zwischen Bild und Skulptur durchlässig, die Betrachter/innen zur Bewegung durch den Raum gezwungen.
Die Oberflächen wie etwa bei XOXO Skeleton (2009) sind mit Gitternetzstrukturen überzogen, die in Computerprogrammen wie »Poser« als technische Hilfsmittel zur Erzeugung einer künstlichen Dreidimensionalität dienen. In Filmen wie »STAR TREK« wiederum repräsentieren sie die Science-Fiction Vision eines beliebigen Erschaffens virtueller Realitäten. Aaron Curry bemalt und bedruckt seine Werke mit Variationen dieser Gitternetze. In seiner Arbeit treffen damit Zeichen für digital erzeugte Illusionen von Räumlichkeit auf künstlerische Momente des genuin Handgemachten.
In der räumlichen Collage der Werke in der kestnergesellschaft treten die ausgestellten Grafiken, Collagen und Skulpturen in einen Dialog. Dabei wiederholen sich bestimmte Farben, Formen und Muster von einem Werk zum nächsten und verändern sich dabei fortwährend. Mit der Metapher des Fließens ist diese Dynamik treffend beschrieben: Die tropfenförmigen Auswüchse etwa bei Eye C U (2009) erinnern an die in der Filmindustrie verwendete Technik des »Morphing«, die eine bruchlose Verbindung von einem zum nächsten Bild ermöglicht: Flächen und Figuren können dabei auf dem Computerbildschirm je nach Belieben vergrößert, verkleinert und verzerrt werden. Folgerichtig lautet der Titel der Ausstellung Bad Dimension. Es verschwimmen nicht nur die Dimensionen zwischen Zweidimensionalität und Drei-dimensionalität und bildlichen Zeichen für Gegenwart und Vergangenheit. Auch die Grenzen zwischen dem fertigen Kunstwerk, der Skizze und der überalterten, benutzten Form werden fließend: Häufig finden sich gestische Spuren wie Bleistiftstriche oder Einsprengsel von Sprühfarbe, die sowohl auf die Möglichkeit einer weiteren Bearbeitung als auch auf einen Zustand der Alterung und Verbrauchtheit verweisen könnten.
Ein häufig verwendetes Motiv in Currys Arbeit ist schließlich die Maske. Deren originäre Funktion ist die Tarnung, die karnevalesk oder rituell verwendete Überlagerung einer darunter liegenden »eigentlichen« Wirklichkeit. Bei Curry werden Masken jedoch häufig noch durch weitere Masken überblendet, wie in Untitled (2009). Das Original, das vermeintlich »Authentische« verschleiert sich hinter Schritten der Überblendung, bis am Ende eine pure Oberfläche der Bildmächtigkeit konstruiert wird.
So manifestieren sich in Currys Werk auf zahlreichen Ebenen Stadien des »dazwischen«, die zugleich auch die Ungewissheit im Umgang mit den Bilderfluten reflektieren, die tagtäglich über uns hereinbrechen. Aaron Curry gehört einer neuen Künstlergeneration an, für die die Verschmelzung virtueller und realer Lebensräume längst zur Normalität gehört. Die Flüchtigkeit und Leichtigkeit digitaler Bilder treffen in seinem Werk auf die Massivität und die Schwere des realen Lebensraumes.
 

Tags: Alexander Calder, Aaron Curry, Grafiken, Richard Hawkins, Mike Kelley, John McCracken, Henry Moore, Pablo Picasso