Brandenburgischer Kunstverein

Katrin von Maltzahn

15 Apr - 17 May 2012

KATRIN VON MALTZAHN
Alphabet
15.04.2012 - 17.05.2012

Nach den Einzelausstellungen von Frank Nitsche und Eberhard Havekost folgt der Brandenburgische Kunstverein auch mit seinem neuesten Projekt der Frage nach dem Verhältnis von Abstraktion und Gegenständlichkeit. Katrin von Maltzahns Retrospektive mit Arbeiten der vergangenen sieben Jahre zeigt eine Welt aus Zeichen und Zeichenmaschinen – die sich unter der Hand der Künstlerin aber aus der gewohnten Ordnung befreien.

Im Zentrum der Ausstellung stehen dabei die vielteiligen Arbeiten "Models" (2005) und "Borges" (2007). In dem älteren der beiden Werke, hat Katrin von Maltzahn Computerbauteile zu stark vergrößerten Tonskulpturen umgeformt und zugleich in einer Serie von Zeichnungen in ein Alphabet konturhafter Chiffrenz zurückverwandelt. Die Ordnungsmaschine Computer wird zu einem Index tönerner Buchstaben. Anders als in der Medienkunst der 90er Jahre wird die Hardware nicht in ihrer Funktion benutzt, sondern als rhetorisches Mittel relativiert. Maltzahns Werk ist Schritt für Schritt ein Befreiungsschlag der Codes gegen das Diktat der technischen Vernunft. Hier widersetzt sich eine Konzeptkünstlerin der Rigidität und Schablonenhaftigkeit des Konzepts.

In "Borges" wird dies ganz deutlich. Ausgehend vom Grundriss der Landesbibliothek (State Library) des australischen Bundesstaates Victoria in Melbourne entwickelt Maltzahn eine prismenhafte, oktagonale Form, die sich wie ein Emblem durch die 22-teilige Arbeit zieht. Dabei geht es aber nicht um eine Architekturrecherche über den 1913 erbauten La Trobe-Lesesaal, sondern um den argentinischen Autor Jorge Luis Borges (1899 – 1986), dessen emphatische Beschwörung der Bibliothek als einem irdischen Paradies der Formen und Bilder wie ein Mantra in den Zeichnungen beschworen wird. Zu sehen ist aber etwas anderes: die Emanzipation der Zeichen, die sich auf den Blättern verselbständigen, auseinander streben, ein Borges-Zitat fragmentieren, transformieren und in Farbe und Zeichnung zersetzen, um dennoch dem Glauben an die Bibliothek als Idealzustand unseres Denkens die Reverenz zu erweisen.

Von den "Datenbotanik"-Blättern (floralen Mustern, die einem Herbarium zu entstammen scheinen, aber in Wahrheit Dateistrukturen abbilden) bis zu den "Screens" (Anverwandlungen kommerzieller Konfektionskleiderstoffe als Bildträger für Zeichenwolken) oder der "Afterglow Johannesburg"-Serie (Adaptionen von Flechtstrukturen in recycelten südafrikanischen Alltagsprodukten) betätigt sich Katrin von Maltzahn als Übersetzerin, die den Zwischenraum zwischen Bedeutung und Rhetorik, Recherche und chaotischem Zufall zu ihrem Handlungsraum macht und die Lesbarkeit der Welt als Aufforderung zum produktiven Missverständnis versteht. Das Verhältnis von Abstraktion und Alltagswelt wird in "Alphabet" also zur Kritik an einer Kunst, die sich mit der Hermetik des Konzepts gegen die Zumutung des Zufalls, der Intuition und des Chaos wehren will.

Der BKV Potsdam freut sich, anlässlich der Publikation des 2012 unter dem Titel "Records Journal Survey" bei argobooks erschienenen Künstlerbuchs von Katrin von Maltzahn einen Überblick über das Werk der letzten Jahre geben zu können.
 

Tags: Eberhard Havekost, Frank Nitsche